Problemfall
Ein Unternehmen, auf das sich der Autor dieses Beitrages hier bezieht, hatte vor einigen Jahren bzw. in den damals zurückliegenden 25 Jahren einen starken Wandel vollzogen, bei dem sich die Risikolage völlig verschoben hatte. Neben der Herstellung chemischer Produkte war es zu einem Maschinenbaubetrieb mutiert, das Produktions- und Veredelungsmaschinen für die eigenen Produkte, aber auch für die Kunden aus der gleichen Branche in aller Welt herstellte.
Die Größe der Liegenschaft mit sehr unterschiedlichen Gebäudenutzungen, hochwertigen Laboratorien und Werkstätten, Rohstofflagern, riesigen Halbfabrikatelagern und Tankanlagen war eine Herausforderung für den Objektschutz und ursprünglich auch für den Brandschutz. Dazu gehörte auch eine Werkzeugmacherhalle, da man Spezialwerkzeuge, Ventile und Testanlagen in Eigenregie baute und betrieb. Auch für die Kunden in aller Welt wurden Verarbeitungsmaschinen, z. B. für Faserproduktionen, gebaut und getestet. Dieses Know-how galt es zu schützen. Einige wertvolle Alleinstellungsmerkmale lagen in der Prozessanordnung der Maschinen. Daher wurden viele Bereiche sehr sorgfältig von der Außenwelt gegen Ausforschung abgeschirmt.
Hochwertige Messinstrumente, deren Lieferzeit im Falle eines Verlustes mal eben ein ganzes Jahr oder gar mehr betrug, stellten ebenfalls besondere Anforderungen an die Sicherheit. Das galt auch für die vor Fertigstellung und im Testbetrieb arbeitenden Anlagen, die zur Auslieferung nach USA, Brasilien und Asien anstanden. Ihre Beschädigung – egal wodurch – musste unbedingt verhindert werden.
Drei Leitzentralen und jede Menge hochqualifiziertes Personal dienten der Sicherheit:
- Prozessleitzentrale für die Überwachung und Steuerung der technischen Prozesse
- Sicherheitsleitzentrale, die auch 7×24 mit mindestens zwei qualifizierten Mitarbeitern besetzt war
- Feuerwehrleitzentrale mit 7×24-Besetzung durch zwei Mitarbeiter. Zur FW-Leitzentrale gehörte rund um die Uhr eine Mannschaft von sechs hauptamtlichen Feuerwehrleuten. Eine größere Anzahl von Mitarbeitern ergänzte die FW. Teilweise hatte der Betrieb sie auf der Landesfeuerwehrschule ausbilden lassen, teilweise waren sie Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr ihrer Wohngemeinde.
Alle Mitarbeiter der Leitstellen wie auch der FW und deren freiwillige Betriebsangehörigen waren hochqualifiziert. Der Sicherheits-Berater hatte so etwas noch nie erlebt. Auch die Freiwilligen waren Ingenieure, Chemieingenieure, Chemiker, Chemielaboranten, Werkzeugmacher etc.
Der Aufbau dieser Feuerwehrorganisation war ehedem Voraussetzung für die Erteilung der Betriebsgenehmigung für den Standort gewesen, denn bei dem Ausbau damals vor mehr als 25 Jahren gab es sehr viele brennbare Lösemittel und andere brennbare Stoffe mit enormem Risikopotenzial. Ferner gab es in der Produktion anfangs Feingranulate, deren Stäube bei einem technischen Problem stoßartig austreten konnten. Sie befanden sich im Umfeld von starken Wärmequellen (Schmelzen) und waren theoretisch in der Lage durchzuzünden.
Im Laufe der Jahre gab es gewaltige technische Innovationen. Während anfangs täglich mehrere Eisenbahnwaggons mit brennbaren Lösemitteln auf den Werksgleisen standen und ihr Inhalt in die Produktion abgepumpt wurde (auch immer ein Risikofaktor), wurden später nur mehr wasserlösliche Lösemittel eingesetzt, wodurch die Brandgefahr auf das Normalmaß sank. Auch Produktionsteile waren von anderen Standorten mit besserer räumlicher Entwicklungsmöglichkeit übernommen worden. Von Stäuben ging ebenfalls keine Gefahr mehr aus. Aber die Kosten für die gewaltige Brandschutzorganisation blieben. Also stellte man beim Regierungspräsidium den Antrag auf Anpassung der Betriebsgenehmigung auf das verbleibende und nur noch normale Risiko. Das bedeutete: Abbau der Werksfeuerwehr und Reduzierung auf eine Betriebslöschgruppe.
Der Antrag wurde kühl abgelehnt. Heute kennt man die Hintergründe. Die Gemeinde, auf deren Gebiet das Werk lag, hatte jahrelang seine eigene Feuerwehr kaputtgespart. Da das Werk bei Großbränden großzügig Hilfe leistete und seine modernen Einsatzgeräte und das fachkundige Personal zur Verfügung stellte, hatte sich die Gemeinde sozusagen daran gewöhnt. Und in der Tat war die Werkfeuerwehr jährlich zu mehr als 15 Einsätzen gerufen worden.
Maßnahmen
- Im ersten Schritt beauftragte das Unternehmen eine Sicherheitsberatung mit Durchführung einer Studie zur Gefahren- und Risikoabschätzung. Dieser Dienstleister besaß überbetriebliche Erfahrungen hatte und konnte auch beurteilen, ob es in dem Regierungsbezirk Unternehmen mit hohen Brandrisiken und geringeren Auflagen gab.
- Im Zuge dieses ersten Schritts ergab sich automatisch ein zweiter Schritt zur Ökonomisierung der Sicherheit, der parallel zum Thema Feuerwehr untersucht wurde:
- Zusammenlegung der Aufgaben der drei Zentralen und Vereinheitlichung
ihrer Technik - Modernisierung sicherungsrelevanter Mess- und Regeltechnik mit Automatisierungen
- Erweiterung von Videoüberwachung zur Reduktion des Personalaufwands im Streifendienst und der Alarmverfolgung
- Zusammenlegung der Aufgaben der drei Zentralen und Vereinheitlichung
- Die Untersuchung der Leitzentralen zeitigte ein verblüffendes Ergebnis. Der ideale Standort für die Zusammenlegung der Leitzentralen war das sogenannte Kesselhaus:
- Durch Modernisierung der Anlagen des Kesselhauses gab es Erweiterungsfläche.
- Es lag zentral und sehr gut erschlossen auf dem Werksgelände.
- In dem Hause befand sich auch ein Netzknoten der Telekommunikation.
Das Kesselhaus war kommunikativ wie ein Spinne im Netz. - In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich auch die Werkfeuerwehr oder das, was von ihr erhalten werden sollte: die Fahrzeug- und Gerätehalle.
- Die Leitzentrale des Werkschutzes befand sich an der Hauptpforte – etwas entfernter gelegen. Es gab keine zwingenden Gründe, sie dort zu belassen.
Im Gegenteil: Sie war angreifbar. Es ergab sich auch eine Gefahrenerhöhung durch kritische Entwicklungen um ein relativ nahes Kohlekraftwerk.
- Unabhängig von dem Ausgang des Antrags auf Rückstufung der Feuerwehr fiel sehr schnell die Entscheidung, die drei Leitzentralen zusammenzulegen. Die Investition amortisierte sich in ein paar Jahren.
- Die Werkschutz-Neuausrichtung führte zu erheblichen Personaleinsparungen. Im ersten Jahr konnten 17 Positionen 7×12 und acht 7×24 eingespart werden. Da alle Mitarbeiter auf den weggefallenen Positionen hochqualifiziert waren, konnte man im technischen Bereich den Facharbeitermangel reduzieren.
- Es wurde vom Berater ein Konzept für die künftige Brandbekämpfung erarbeitet und dokumentiert. Alle Maßnahmen wurden unwiderlegbar begründet.
- Mit dem neuen Antrag beim Regierungspräsidenten wurde das Gutachten eingereicht. Der Antrag kam durch.

