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Sicherheitskultur

Awareness: von Corona lernen

Ausgabe 23/2020
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Ausgabe 23/2020
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Die letzten Monate waren eine große Herausforderung für alle. Vieles im Leben der Einzelnen hat sich geändert, neue Verhaltensweisen (Maske dabei? Abstand gegeben? Familienfeste wie feiern?) mussten in die Routinen des Alltags integriert werden. Den Umgang mit einer pandemiebedingten Bedrohungslage einer gesamten Gesellschaft zu vermitteln ist ein riesiges Changeprojekt, das die Entscheidungsträger, in diesem Fall die Politiker, vor eine enorme Herausforderung stellt. Sie müssen 80 Millionen Menschen dazu bewegen, bestimmte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und damit das sicherheitsbezogene Verhalten einer kompletten Bevölkerung zu verändern.

Interessant erscheint das Gedankenexperiment, die Geschehnisse der letzten Monate unter der Perspektive der Motivation von Mitarbeitern für ein höheres Sicherheitsbewusstsein in Unternehmen zu betrachten – denn auch hier müssen Menschen (natürlich in einem viel kleineren Umfang und weniger komplexen Setting) sich zum Schutze des Unternehmens entsprechend verhalten. Was kann also aus der aktuellen Situation für die Gestaltung einer funktionierenden Sicherheitskultur in Unternehmen gelernt werden? Wie schaffe ich es, dass Mitarbeiter sich an Regeln halten – bei einer gegebenen, aber oft nicht direkt erlebbaren Bedrohungslage? Ein paar zielführende Empfehlungen:

  • Auf die Führung kommt es an. An Staatschefs wie Trump oder Bolsonaro lässt sich erkennen, welche große Rolle Führungskräfte spielen bei der Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen. In den USA lässt sich oftmals an dem Tragen – oder Nicht-Tragen – von Masken erkennen, welcher Führung vertraut wird. Bei Entscheidungsträgern werden Abweichungen von den offiziellen Maßgaben sehr genau von der Bevölkerung wahrgenommen und stoßen auf großen Unmut (so musste z. B. der tschechische Gesundheitsminister gehen, weil er gegen seine eigenen strengen Corona-Maßnahmen verstoßen hat). Besonders, wenn Maßnahmen Entbehrungen fordern oder größere Verhaltensveränderungen notwendig sind, ist der Vorbildcharakter von Führungskräften ein kaum zu überschätzender Faktor.
  • Auf einfache wichtige Verhaltensregeln beschränken. Durch das Akronym „AHA“ sind die wichtigsten Maßnahmen (Abstand – Hygiene – Alltagsmaske) sehr eingängig geworden. Das Runterbrechen der Regeln auf konkrete Verhaltensweisen – auch gerne mit einem Schmunzeln verbunden (statt „20 – 30 Sekunden Händewaschen“ „2 x Happy Birthday singen“) – ist einprägsam und fördert die Motivation. Viele einzelne Regeln mit vielen Ausnahmen sind verwirrend und führen zu Unmut. Denken Sie nach, was auf jeden Fall von allen Mitarbeitern gewusst werden muss, ggf. sollten spezifische Richtlinien nur an bestimmte Rollenträger weitergegeben werden.
  • Erklären, warum Regeln wichtig sind. Die Kommunikation der Regeln und vor allem auch die Vermittlung ihrer Sinnhaftigkeit ist von entscheidender Bedeutung, wie z. B. die Nutzung von Alltagsmasken zeigt. Mitarbeiter müssen dabei die Regeln nicht nur kennen, sondern auch verstehen, um in einzelnen Situationen flexibel reagieren zu können. Dabei kommt es jedoch auf eine gute Mischung aus Information und der Vermeidung von Panikmache an. Generell gilt sicherlich: Man kann nicht zu viel informieren und kommunizieren, jedoch muss die Art und Weise stringent und eingängig sein.
  • Eindeutige Ansprechpartner mit guten Kommunikationsfähigkeiten schaffen. Ob und welchen Experten Gehör geschenkt wird, hängt in der Corona-Lage oftmals auch von dem Kommunikationsstil ab (sind Sie eher „Team Drosten“ oder „Team Streeck“? Gibt es eigentlich ein „Team Lauterbach“?). Generell gilt zunächst: Die Verantwortlichen in Unternehmen sollten nach außen mit einer Stimme sprechen (unabhängig von sicherlich wichtigen internen Diskursen). Und auch für die Entscheidungsträger in Sicherheitsabteilungen wie für das Sicherheitspersonal allgemein ist die Art und Weise, wie Regeln kommuniziert werden, wichtig. Wer sympathisch, verständlich und auf Augenhöhe bestimmte Sicherheitsregeln vermitteln kann, dem wird auch eher gefolgt.
  • Bei Nichtbeachtung von Sicherheitsregeln Ursachenforschung betreiben. Je mehr die eigene Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, desto mehr wird die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen hinterfragt. Das kann dazu führen, dass Regeln einfach nicht Folge geleistet wird (wie z. B. der Holzkeil unter der Brandschutztür). Es lohnt sich bei potenziell einschränkenden Maßnahmen, individuelle Bedürfnisse zu antizipieren und ggf. auch Kompensationsmöglichkeiten (rauchmeldergesteuerte Feststellanlagen) zu finden.
  • Wichtig ist ein positiver Umgang mit Fehlern. Fehler sollten leicht und ohne Anschuldigung anzuzeigen sein. Wenn Corona-Infizierte sich nicht melden (z. B. aus Angst vor Schuldzuweisungen), dann kann auch keine Infektionskette unterbrochen werden. Und werden Fehler in Unternehmen versteckt, kann ggf. ein noch höherer Schaden entstehen bzw. der Prozess, der dazu geführt hat, nicht verändert werden. Die Schwelle zur Fehlermeldung sollte so gering wie möglich gehalten und in gemachten Fehlern ein Lernpotenzial für alle gesehen werden. Eine positive Fehlerkultur ist von daher ein wichtiger Bestandteil für eine funktionierende Sicherheitskultur.
  • In guten Zeiten vorsorgen. Momentan reagieren oftmals diejenigen skeptisch auf die Corona-Maßnahmen, die bereits vorher mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation nicht zufrieden waren. Zusätzlich lässt sich in den USA beobachten, wie bereits vor Corona gesellschaftliche Grundpfeiler aktiv angezweifelt wurden – von der Demontierung der amerikanischen Gesundheitsbehörden bis zur grundsätzlichen Infragestellung der Glaubwürdigkeit der Presse als wichtiges Kommunikationsmedium, vor allem auch im Krisenfall. Für Unternehmen bedeutet dies, dass bereits in guten Zeiten neben dem Aufbau eines schlagkräftigen Krisenstabs Augenmerk gelegt werden muss auf allgemein funktionierende Organisationsstrukturen, eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit und nicht zuletzt eine vertrauensvolle glaubwürdige Kultur.

Sicherlich lässt sich die Corona-Lage nicht 1:1 auf Unternehmen übertragen, dazu sind im gesellschaftlichen Rahmen zu viele unterschiedliche Akteure beteiligt. Aber ein Gedankenexperiment, aus diesem breit angelegten pandemiebedingten „Feldversuch“ Rückschlüsse auf die Gestaltung der Sicherheitskultur im eigenen Unternehmen zu ziehen, kann sicherlich lohnend sein.

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