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Flutfolgen

Schwachstelle Abwasserinstallation

Ausgabe 21/2021
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Ausgabe 21/2021
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Problemfall

Wir beschreiben im Folgenden einen Problemfall, der bei der Flut- und Starkregenkatastrophe in Eifel und Rheinland-Pfalz aufgetreten ist (wir besitzen Kenntnis von mehreren ähnlichen Ereignissen). Betroffen sind fast ausschließlich alte Bausubstanzen von Gewerbebetrieben oder solche, die immer wieder Veränderungen und Erweiterungen unterworfen worden sind. Wir sprechen auch gern von “gewachsenen Strukturen”, die nach einigen Jahrzehnten kein Mensch mehr nachvollziehen kann, z. B. bei ergänzten Neubauten oder bei Neuanschlüssen von Entwässerungs- und Hebeanlagen, die nachträglich installiert wurden.

Was ist passiert?

  1. Beim Einbau einer Hebeanlage wurden auch solche Gebäudeteile mit einbezogen, die teilweise erheblich über der Rückstauebene lagen, also Hallendächer, Obergeschosse etc. Das ging so weit, dass ein ca. 400 Quadratmeter großes Hallendach nicht direkt an den Kanal angebunden, sondern zunächst über die durchaus für den Normalfall ausreichend groß dimensionierte Hebeanlage geführt wurde. Die schaffte die plötzlich angefallenen Wassermengen dann nicht mehr. Das Wasser baute einen Druck auf, der dazu führte, dass Abwasserleitungen, die durch die Halle geführt wurden, zunächst ein wenig undicht wurden und sich schließlich sogar in den Steckverbindungen so stark absenkten, dass das Dachflächenwasser in die Lagerhalle eindrang. Die Abwasserrohre rissen dann auch noch so hoch unter dem Dach ab, dass sich das Wasser großflächig in der Halle verteilen und hohen Schaden an hochwertigen Halb- und Fertigfabrikaten für die Autoindustrie anrichten konnte. Die großflächigen Zwischenböden des Lagersystems taten ihr übriges. Der Schaden soll bei mehreren Millionen Euro liegen.
  2. Bei einem anderen Unternehmen war das Entwässerungssystem über Jahre hinweg immer wieder an den Bedarf angepasst worden. Da man jedoch bereits mit Wasserschäden rechnete, hatte man sogar vor etwa drei Jahren in den als Material- und Werkzeuglager dienenden Untergeschossen Pumpensümpfe in die Fundamente eingelassen und leistungsstarke Pumpen installiert. Pech, dass der Strom ausfiel. Ein Trafo war überflutet worden.
  3. Ein ähnlich gelagerter Fall, der zum Schaden führte, obgleich Strom vorhanden war, ereignete sich im gleichen Ort. Durch die ständigen Ergänzungen und eine nicht zusammengeführte Dokumentation hatten die ausführenden Tiefbauunternehmen nicht erkennen können, dass sie neu angeschlossene Abwasserleitungen in einen Kreislauf schickten. Es wurde durch leistungsstarke Pumpen abgepumpt, aber über die auf dem großen Gelände verteilten Bodeneinläufe wieder zurückgeführt – eine Wasser-Endlos-Schleife gewissermaßen.

Dem Sicherheits-Berater sind noch mehr ähnlich gelagerter Fälle bekannt geworden, die aber aufgrund der Aktualität der Ereignisse nicht präzise genug recherchiert und überprüft werden konnten – die Geschädigten hatten verständlicherweise anderes zu tun, als für Recherchezwecke des Sicherheits-Berater zur Verfügung zu stehen. Aus den genannten Beispielen lassen sich aber schon etliche Tipps im Sinne von „lessons learned“ herleiten.

Maßnahmen

Es ist ein Fehler etlicher Planer, mehr Abwässer über die Hebeanlagen zu schicken als nötig, selbst wenn sie durch natürliches Gefälle der Abwasserleitungen abgeführt werden können. Erst jüngst haben wir eine Planung gesehen, bei der das völlig unnötig der Fall war. Zum einen müssen dann die Anlagen überdimensioniert werden (was das Planerhonorar übrigens erhöht), zum anderen sind sie teuer in Investition und Betrieb und zum dritten sind sie schlicht unnötig. Folgende Maßnahmen sind dagegen zu empfehlen:

  1. Das Thema Kurzschluss in der Abwasserleitung oder Endlosschleife ist weit verbreitet. Das führte vor einigen Jahren bei einem Frankfurter Industrieunternehmen zu einem enormen Schaden. Es ist fast immer ein Dokumentationsproblem: Wenn ein Ergänzungsbau geplant wird, dokumentiert der Planer nur den Teil, für den er zuständig ist. Es entstehen diverse Paralleldokumentationen. Keine ist passgenau, weil sie die angrenzenden Entwässerungsinstallationen nicht berücksichtigen – es fehlt eben der systemische Ansatz:

    Technische Dokumentation muss immer einheitlich und zusammengefasst geführt und aufbewahrt werden. Oft sind Zuständigkeiten am Wirrwarr schuld. Der Sicherheits-Berater berichtete vor etlichen Jahren über die Sprengung eines Kraftwerksschlots in Hamburg. Der Sprengmeister hatte die Bauakte (Genehmigungsplanung/Statik) aus der Bauzeit erhalten, um seine Berechnungen anzufertigen. Die Sprengung ging schief. Statt sauber in sich zusammenzufallen, kippte der Schlot. Der inzwischen erneuerte und moderne Schwefelfilter, ein mächtiges Teil, flog in hohem Bogen davon – auf ein Umspannwerk. Den Blitz des Kurzschlusses soll man sogar in Kiel gesehen haben. Die Entschwefelungsanlage im Schlotkopf war nicht in der Bauakte dokumentiert, sondern im Bereich Maschinenbau/Kraftwerkstechnik.
  2. Es lohnt sich vor allem bei älterem und gewachsenem Gebäudebestand, eine systematische Untersuchung der Kanalsysteme vorzunehmen. In allen Regionen Deutschlands gibt es gut ausgestattete Unternehmen, die mit moderner Videotechnik die Kanäle befahren können und alle Besonderheiten erkennen. Beispielsweise auch Abzweige, bei denen man nicht weiß, warum sie vorhanden sind und welche Auswirkungen sie haben können. Alle Erkenntnisse müssen dann nachdokumentiert werden.
  3. Ein leidiges Thema sind Rückstauklappen. Zu prüfen ist, ob sie vorhanden sind, ob sie an der richtigen Stelle wartungsfähig eingebaut wurden und ob sie auch regelmäßig gewartet werden?
  4. Hallen mit größeren Ausmaßen haben die Dachentwässerung oft durch das Gebäude geführt und nicht an den Gebäudekanten entlang. Die (überwiegend genutzten) Plastikrohre sind lediglich ineinandergesteckt. An den Steckverbindungen finden sich Gummidichtungen in einem kleinen Wulst. Normalerweise reicht das aus, um Dichtigkeit herzustellen, Aber, was ist schon normal?
    a. Man darf nicht vergessen, dass sich fast alle Materialien unter dem Wechsel von Wärme und Kälte unterschiedlich dehnen oder zusammenziehen. Bei einem Bürohaus in der Nachbarschaft des Sicherheits-Berater, in dem die Dachentwässerung durch einen innen liegenden Schacht geführt wird, hat es vor drei Jahren einen Wasserschaden gegeben. Die Ausdehnungs- und Kontraktionsbewegungen haben die Dichtung herausrutschen lassen. Das Rohr senkte sich und Regenwasser trat (zum Glück in sehr geringen Mengen) aus. Aufwischen reichte dort! Vor allem bei Fallrohren mit mehreren gesteckten Teilstücken steigt diese Gefahr. Man kann ihr begegnen, indem die Rohre an den Trägerpfosten der Halle etc. oberhalb und unterhalb der Verbindungen mit Muffen befestigt werden.
    b. Zudem sollte man möglichst lange Rohrteile verwenden, um die Zahl der Verbindungen und damit Schwachstellen zu vermeiden. Und natürlich sind die Fallrohre zu befestigen, um Durchbiegungen zu vermeiden .
  5. Netzersatz ist immer ein kritisches Problem. Was nutzen mir Pumpen, wenn in einer kritischen Situation kein Strom vorhanden ist? Es würde zu weit führen, hier Konzepte vorzustellen. Aber darüber nachzudenken ist sehr zu empfehlen. Das muss nicht immer teuer sein.

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