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Normen

ISO 22237: Konkurrenz für die EN 50600?

Ausgabe 9/2024
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Ausgabe 9/2024
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Wer die Normenlandschaft im Bereich der Rechenzentren verfolgt, dem ist nicht entgangen, dass in den letzten Jahren die europäische Normenreihe EN 50600 mit ihren sechs Hauptdokumenten und zahlreichen weiteren Publikationen einen hohen Stellenwert erlangt hat. Erstmals wurden in der Normenreihe nicht nur eindimensionale Anforderungen formuliert, sondern auch RZ-spezifische Themen wie Verfügbarkeit und Redundanz betrachtet. Zudem ist eine Skalierung je nach eigenem Verfügbarkeitsanspruch möglich. Die vier Verfügbarkeitsklassen der Normenreihe helfen, die bauliche und technische Infrastruktur risikobezogen zu konzipieren und herzustellen.

Der Erfolg der Normungsinitiative ließ nicht lange auf sich warten. Schnell wurde die Normenreihe zum geschätzten Nachschlagewerk innerhalb der Branche. Zahlreiche Anbieter von Zertifizierungen und Audits machten sich die Inhalte der Normenreihe zu eigen und boten fortan sehr erfolgreich Zertifikate entsprechend den Verfügbarkeitsklassen an, obwohl die Norm gar nicht als Zertifizierungsnormen konzipiert war.

Dieser Erfolg wurde von den weltweit tätigen Normengremien ISO als internationale Vereinigung von Normungsorganisationen und IEC als internationale Elektrotechnische Kommission natürlich zur Kenntnis genommen und beobachtet. Schnell war die Idee geboren, das in Europa erfolgreiche Konzept für die weltweite Normierung zu übernehmen und so entwickelte sich aus der Reihe EN 50600 eine weltweit gültige Normenreihe mit der Bezeichnung ISO 22237, ohne inhaltlich nennenswert von den europäischen Ursprungsdokumenten abzuweichen.

Die ISO-Reihe umfasst derzeit fünf Hauptnormen, die, wenn man sie aus dem Englischen übersetzt, ähnliche Titel tragen, wie die europäischen Ursprungswerke, nämlich:

  • Allgemeine Konzepte
  • Gebäudekonstruktion
  • Stromversorgung und -verteilung
  • Regelung der Umgebungsbedingungen
  • Sicherungssysteme

Lediglich das Pendant des Teil 2-4 der EN-Norm, der sich mit der „Infrastruktur der Telekommunikationsverkabelung“ befasst, hat es also nicht zum Rang eines „INTERNATIONAL STANDARD“ einer ISO-Norm geschafft. Er rutscht in die Rubrik „TECHNICAL SPECIFICATION“ und ist damit weniger verbindlich.

Normenanwender in Europa blickten interessiert, aber entspannt auf diese Entwicklung und sahen erst einmal keinen Handlungsbedarf, schließlich waren sie gut versorgt. Nun wurden aber die Kunden, insbesondere solche, die weltweit IT-Infrastrukturen planen und betreiben, darauf aufmerksam, dass es neben einer Norm für das „alte Europa“ nun auch eine weltweit gültige ISO-Methodik für Rechenzentren geben würde. Sofort stellten sich Fragen nach einem international gültigen Benchmark etwa, es kam zu ersten Anfragen in Europa bezüglich einer Zertifizierung bzw. Klassifizierung der europäischen Rechenzentren nach der ISO-Norm.

Wer nun argumentativ ins Feld führte, dass sich inhaltlich kaum Unterschiede zur bereits bestehenden Reihe EN 50600 ergäben, unterschätzt die Strahlkraft eines ISO-Zertifikates: Kunden argumentieren, dass man ja auch ein Qualitätsmanagement nach der Normenreihe ISO 9000 oder ein Konzept zur Informationssicherheit nach der Reihe ISO 27000 betreibt, da würde eine Zertifizierung des Rechenzentrums nach einer ISO-Norm gut ins Bild passen. Hinzu kommt das bereits angerissene Thema der internationalen Vergleichbarkeit und die weltweit einheitliche Methodik.

Dem Markt folgend machten sich somit Anbieter für Zertifizierungsverfahren auf den Weg, Zertifikate gemäß der neuen ISO-Reihe anzubieten, ohne jedoch einen wesentlichen inhaltlichen Unterschied zur bisherigen EN 50600-Methodik herauszuarbeiten. Beispielsweise formuliert der TSI-Katalog des TÜViT an genau drei Stellen unterschiedliche Forderungen für das EN-Zertifikat einerseits und das ISO-Zertifikat andererseits, nämlich

  • bei der Redundanz der Klimatisierung, hier sind die Anforderungen der ISO-Methode weniger streng,
  • bei der Stromversorgung der Klimatisierung, hier sind die Anforderungen etwa ähnlich, nur anders formuliert,
  • bei der Anzahl der Fühler zur Erfassung der Zulufttemperatur im Serverraum, ein eher marginales Thema.

Allerdings waren bei Erscheinen des genannten Kataloges im Juli des vergangenen Jahres die ISO-Teile zu Gebäudekonstruktion und Sicherungssystemen noch gar nicht erschienen und sind nicht erfasst. Die beiden entsprechenden ISO-Normen wurden erst im vergangenen Monat veröffentlicht. Es ist zu erwarten, dass die Zertifizierer in nächster Zeit angepasste Kataloge veröffentlichen.

So ist das manchmal im Leben: Ein in Europa populär gewordener Standard erhält Konkurrenz durch einen weltweit gültigen Zwilling, der fortan bessere Außenwirkung und eine weltweite Vergleichsmöglichkeit bietet, ohne sich inhaltlich nennenswert weiterzuentwickeln. Und alle machen mit …

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