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Flutkatastrophe

Prägende Eindrücke aus einem betroffenen Gebiet

Ausgabe 16/2021
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Ausgabe 16/2021
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Das Ahrtal, wie es einmal war, gibt es nicht mehr und wird es so auch nicht mehr geben. Die Unwettersituation, nicht nur im hiesigen Ahrtal, war und ist, Stand Redaktionsschluss, katastrophal. Ein Krieg hätte keine schlimmeren Wirkungen haben können. Das Wasser stand bei typischen zweigeschossigen Häusern bis an den Dachstuhl und viele Häuser gibt es schlicht und einfach nicht mehr.

Das ist schlimm, aber nichts gegen die zurzeit mindestens 182 Toten, 135 allein in Rheinland-Pfalz (Stand 30.07.2021), von denen nach Angaben der Landesregierung in Mainz erst 68 eindeutig identifiziert werden konnten. Aufgrund der „Todesumstände“ gestaltet sich das schwierig und langwierig, wie von der Landesregierung verlautbart. Und immer noch werden 59 Personen von ursprünglich vierstelligen Zahlen vermisst. Allein am vergangenen Wochenende waren es noch 149.

Auch drei Einsatzkräfte der Feuerwehr kamen aus dem Rettungseinsatz nicht mehr lebend zurück. Eine junge Frau und zwei Männer.

Und dabei wäre viel zu retten gewesen. Es handelte sich um eine Katastrophe mit Ansage. Die Wetterprognosen haben schon bis zu vier (!) Tage vorher recht genau vorhergesagt, was passiert, nicht nur dass Regen kommt, sondern genau das Einzugsgebiet und Niederschlagsmengen. Nur keine Stelle hat es aufgenommen, Warnung und Handlung daraus gemacht, z. B. wurden Stauwehre erst spät, zu spät, abgelassen, um Auffang- und Zeitpuffer zu schaffen, Häuser zu räumen, zu evakuieren … Das hätte natürlich nicht alles verhindert, aber einiges.

Vielsagend, dass die im Netz bereitgestellten Pegelstände, auch der überfluteten Steinbachtalsperre bei Euskirchen, plötzlich nicht mehr abrufbar waren. Da soll wohl der Deckmantel des Verschweigens über das Versäumnis gelegt werden.

Tatsächlich vor der Flut gewarnt wurde nicht. Dabei lagen offizielle Prognosen der Hochwasservorhersagezentrale des Landesamts für Umwelt (RPF) und damit auch dem Kreis Bad Neuenahr-Ahrweiler vor. Ging man mittags noch von einem Pegel von 3,30 m aus, sagte man nachmittags gegen 15:00 Uhr schon mehr als fünf Meter voraus. Um 20:36 Uhr erhöhte man auf 6,90 Meter.

Um 19:00 Uhr erreichte nach Augenzeugenberichten und inzwischen vorliegenden Auswertungen das Hochwasser mit über drei Meter den historischen Höchststand vom 2. Juni 2016. Nur innerhalb einer Stunde stieg der Pegel auf fünf Meter. Um 20:45 Uhr wird der Pegelmesstand in Altenahr von den Fluten weggerissen. Ab da gibt es keine Messungen mehr. Erst um 23:09 Uhr wird vom Kreis Katastrophenalarm ausgerufen, verbunden mit einem unqualifizierten Evakuierungsaufruf, 50 Meter rechts und links der Ahr die Häuser zu räumen. Aber da war es alles viel zu spät. Und genutzt hätte es sowieso nichts mehr.

Die Flut tobte, die Toten und Verletzten waren nicht mehr zu verhindern, fast 500 Gebäude gab es nicht mehr und von den ca. 4.200 Gebäuden entlang der Ahr sind geschätzt mehr als 3.000 Gebäude z.T. erheblich beschädigt und viele auf Dauer unbewohnbar oder werden, wegen der Kontaminierung bis in die Obergeschosse mit Schadstoffen, Öl etc. abgerissen werden müssen. Ca. 17.000 Menschen haben Hab und Gut verloren bis hin zum Verlust der gesamten Existenz.

Und es könnte sein, dass sich die Versicherer wieder einmal aus der Verantwortung stehlen. Denn selbst da, wo Elementarschadenversicherungen vorliegen, wollen die Versicherer offenbar nicht einspringen. Elementarschadenversicherungen decken zwar Hochwasser ab, aber hier handele es sich ja um kein Hochwasser, sondern um Flutschäden. Und die seien im Versicherungsschutz nun einmal nicht umfasst. Unfassbar!

Die eklatantesten Eindrücke vor Ort des Geschehens:

  • Nicht nur das anfängliche Zuständigkeitschaos zwischen Kommunen, Kreis, Land und Bund auf der einen Seite und den hilfeleistenden Stellen, Polizei, FW, BW, THW, Rettung zählen zu diesen Eindrücken. Mittendrin stehen die Menschen, die, so könnte man es schon fast meinen, sich zwischen den Fronten oder vielmehr an der Front aufreiben. Hilfskräfte und -organisationen waren am Anfang in den ersten Tagen erkennbar völlig unvorbereitet und überfordert. Und auch Lokalpolitiker und -politikerinnen waren mancherorts ob ihrer Eigenanschauungen und -Interessen wenig hilfreich.
  • Provakant formuliert, Chaos auch unter den hoheitlichen Stellen selbst. Eine norddeutsche BW-Hilfskraft formulierte sinngemäß markant: „Ich war in meinen Dienstjahren schon bei etlichen in- oder ausländischen Hilfsaktionen dabei, aber so unkoordiniert wie hier war es noch nie.“
  • Ein Stück weit mag das vielleicht auch an der Kommunikationsinfrastruktur gelegen haben, die in großen Teilen weggespült und zerstört wurde. Nicht nur die private, auch der schöne neue digitale BOS-Behördenfunk tat es in Teilen nicht mehr. Und wo er noch funktionierte, war er völlig überlastet. Da wünschte man sich vielleicht doch wieder ein Stückchen den guten alten analogen Gleichwellenfunk zurück.
  • Die Messung der Flutpegel brach bei 5,75 m ab, weil die Pegelmessstände selbst unter Wasser gingen. Tatsächlich stieg die Flut streckenweise bis zu einem Hochwasserpegel von mindestens sieben bis acht Metern. Die Wasserverfärbungen an den Häusern lassen dies erkennen. Wohnhäuser standen vielfach bis über das 1. OG hinaus im Wasser und nur der Dachboden blieb oft trocken. Nicht wenige Flutopfer mussten, teilweise über eineinhalb Tage lang, auch auf ihren Hausdächern, vollkommen durchnässt, ausharren, bis Hilfe kam. Die kam dann mit Hubschraubern, überwiegend der Polizei und Bundeswehr. Die Leute wurden zum Teil mit absoluter „Flugakrobatik“ rausgeholt, eine andere Zugangsmöglichkeit gab bzw. gibt es nicht. Hochachtung an die Piloten und Crews!
  • Es zeigte sich eine unglaubliche private Hilfsbereitschaft, die vieles schnell bewegte. Den von einer Nacht auf die andere oft völlig mittellos Gewordenen konnte dank der gigantischen Spendenbereitschaft in weiten Teilen eine vernünftige Erstversorgung zukommen. Auch in meinem Heimatort, der – Gott sei Dank! – wegen der Höhenlage in der Voreifel nicht vom Hochwasser betroffen war, bildeten sich sehr schnell private „Hilfszellen“. In der Gemeindehalle wurden erste Flutopfer „aufgefangen“ und mit den wesentlichen Dingen ausgestattet. Shuttledienste, um beispielsweise notwendige Medikamente zu beschaffen wurden organisiert. Dort und in verschiedenen Garagen wurde sortiert und als Anlaufstellen Kleidung, Stiefel, Hilfsmaterial etc. bereitgestellt.
  • Die Organisation und Kommunikation erfolgte im Netz mit sozialen Medien. Auch die Hilfsorganisationen und privaten Hilfskräfte organisierten sich im Netz. Es war ja nicht überall ausgefallen. Ein schlagender Beweis dafür, dass diese „neue“ Form der Kommunikation notwendig und sinnstiftend eingesetzt werden kann und nicht nur zur Zeitverschwendung und zum Austausch von unnützestem Zeugs.
  • Im ganzen Ahrtal (und nicht nur dort) greifen und griffen private Bau- und Fuhrunternehmen und vor allem Landwirte, auch von weit her, mit ihrem schwerem Gerät schnell und effektiv ein. Auf eigene Kosten! Die fragten nicht lange wieso, weshalb, warum oder nach Kostenersatz und Kostenstelle, die machten einfach. Ohne die wäre es nicht zu schaffen gewesen.
  • Unbürokratische finanzielle Hilfe und Ausgleich wurde von öffentlicher Hand, Bund und Ländern schnell versprochen. Allein angekommen ist noch kaum etwas und zeichnet sich wohl auch so schnell und unbürokratisch nicht ab. Und das, obschon die Unternehmen und auch viele Landwirte mit ihrem schwerem Gerät ihre Zeit opfern und den eigenen Betrieb hintenanstellten. Wer kann es verdenken, dass der Unmut groß wurde und etliche frustriert abzogen.

Ob die vom Innenministerium und der Landesregierung jetzt viel propagierte Regelung tatsächlich die große unbürokratische Abhilfe sein wird, darf bezweifelt werden. Landwirte und Unternehmer benötigen erst den Auftrag eines Ortsbürgermeisters, um ihre Leistungen und Aufwand abrechnen zu können. Und gehen Geräte oder Betriebsmittel, wie z. B. der Reifen eines Traktors oder die Kette eines Baggers, für viele Tausende von EURO kaputt, dann muss einfach nur nachgewiesen werden, dass es vorher noch heile war. Sicherlich deshalb, weil alle mit kaputten Traktorreifen und Baggerketten im Hilfsgebiet anrückten und es sich damit so gut helfen ließ.

  • Stellenweise konnte beobachtet werden, auch durch einen unserer Kollegen, dass Einsatzkräfte in Gruppen untätig (mangels Einsatzbefehl oder -Erlaubnis) warten mussten und an anderer Stelle sich Leute mit Aufräumen und Schlammschippen mühten. Das ging so weit, dass sich Einsatzkräfte selbst frei nahmen, damit sie aus der hemmenden Befehlshierarchie herauskommen, um gefühlte 10 Meter weiter tatsächlich mit Hand anlegen zu können.
  • Tragisch, ein kleiner Nachbarort zu Altenahr, Reimerzhofen, wird wohl aufgegeben. Die Leute mussten den Ort, ihre Häuser, Wohnungen sowie Hab und Gut verlassen und zwangsweise aufgeben. Eine Erschließung und Versorgung, die halbwegs hygienegerecht ist, kann wohl nicht aufgebaut werden. Die Anwohner sehen das anders „ … vielleicht ginge es doch?“ Aber der Schaden ist tatsächlich beträchtlich. Z. B. eine im letzten Jahr aufwendig errichtete massive Stützwand entlang der Ahrtalstraße, mit massiven Verankerungen, steht jetzt noch allein mit den herausragenden Stahlverankerungsträgern, die für Halt im Hang sorgen sollten. Den gibt es nämlich nicht mehr.

Ältere Jahrgänge, auch die, die noch Kriegszeiten miterleben mussten, trifft die Katastrophe besonders hart. Kriegserinnerungen werden ausgelöst und mit der Hochwasserkatastrophe in Verbindung gebracht. Emotionale Eruptionen, lethargische Ansätze bis hin zu traumatischen Verhaltensweisen treten auf. Zu oft auch bei Helfern und Einsatzkräften. Deren riesengroße emotionale Belastung wird immer wieder vernachlässigt und vergessen. Hier muss es mehr Ansprache mit Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten geben. Das Erleben von Menschen, die um ihr Leben kämpfen, nichts tun zu können, die Angst um das eigene Leben, das Hören von Schreien und Lauten in der Nacht, das Auffinden von toten Menschen und auch Tieren, das Zuhören, wenn Gerettete reden wollen, das … macht

betroffen, führt im besten Sinn zu gemeinsamen Tränen und Gesprächen, aber auch zu posttraumatischen Belastungsstörungen, und die müssen rechtzeitig erkannt und therapiert werden. In den ersten Tagen eine schwierige Gratwanderung, die sich dann doch auch aufgrund privater Initiativen „entspannt“ hat. Hier ist die Gesellschaft gefordert, entsprechende Angebote für die Zukunft zu schaffen.

  • Das Ahrtal lebt vom Weinbau. Nur vier von 50 Weinbetrieben sind von der Flut nicht betroffen, ebenso betroffen sind 1.000 Nebenerwerbswinzer. Es gibt keine Produktions- und Lagerräume mehr. Gelagerter Wein in Höhe von circa 50 Mio. Euro ist verschwunden. Wenn die Reben jetzt nicht geschnitten werden, fällt die Ernte und damit die Einnahmequelle der Winzer aus, mit eklatanten Folgen für die gesamte Region. Private Hilfe könnte auch hier die Rettung werden. Dank spontaner Initiativen (Winzerkollegen von der Mosel) zeichnen sich Chancen ab- den 21er-Jahrgang zumindest in Ansätzen zu retten.
  • Da die Wasserversorgung großflächig zerstört ist, ist Wasser ein zentrales Thema. Es fehlt zum Reinigen, Freimachen von Flächen und Straßen und natürlich zuvorderst zur Versorgung von Mensch und Tieren. Wasser muss mühsam an Zapfstellen in Höhenlagen mit Tankfahrzeugen der Feuerwehr und Lebensmittelunternehmen in die Katastrophengebiete und auch in die Hochspeicher zum Nachfüllen gefahren werden. Auch da, wo das Wasser noch läuft, gilt das Gebot des Wassersparens und in vielen Orten bis vor wenigen Tagen auch des Wasserabkochens.

Als ich am Abend auf einen Feuerwehrtrupp, der Wasser bei uns im Ort an der Straße aus einem Hydranten nachtankte, einfach interessehalber zuging, bekam ich unvermittelt eine sehr defensiv-entschuldigende Aussage, dass man eh sogleich wieder weg sei und nicht länger störe. Von einem FW-Trupp aus Erfurt! Der wer weiß wie lange unterwegs war und uns im fernen NRW und RPF hilft. So weit sind wir inzwischen …

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