Sicherheits-Berater: In der von-zur Mühlen-Gruppe und gewiss auch bei Ihren Kunden haben sie sich einen Namen als Querdenker gemacht. Vermutlich haben Sie sich auch prinzipiell mit dem Begriff auseinandergesetzt?
Rainer von zur Mühlen: Der Begriff des Querdenkens ist nicht neu. Er wurde von Philosophen bereits im 19. Jahrhundert geprägt. Der Begriff war anfangs negativ besetzt, weil man damit die überschäumende Fantasie Münchhausens assoziierte. Wissenschaftlich wurde er erst 1969 vom britischen Arzt und Philosophen de Bono als Lateral-Denken (lat. „seitliches“ Denken) in die Literatur eingeführt. Bei der Lektüre wurde mir schnell klar: Wer querdenkt profitiert –denn er ist seiner Zeit voraus.
Sicherheits-Berater: Von da an begannen Sie, Ihr Querdenken auf Sicherheitsthemen anzuwenden?
Rainer von zur Mühlen: Sicherheitsfragen begannen mich schon 1968 zu interessieren, als ich fest davon überzeugt war, dass man Computer manipulieren könnte. Ich wollte Wirtschaftsprüfer werden und den Umgang mit Computern lernen, um mich selbst von den Risiken der in den Anfängen befindlichen Datenverarbeitung zu überzeugen. Bei den Klausuren in meinem Studium hatte ich immer spontane Assoziationen zur Kybernetik, die die Professoren, die meine Arbeiten zensierten, oft verblüfften und mit Traumnoten honorierten. Spontanes Querdenken.
Sicherheits-Berater: Glauben Sie, man kann das Querdenken erlernen?
Rainer von zur Mühlen: Ich bin mir nicht sicher – vielleicht in gewissem Grade. Bei mir scheint es eher eine ererbte Veranlagung zu sein. Als mein Vater einmal eine meiner Seminararbeiten las, um meine Tippfehler auszumerzen, meinte er: „Du denkst so wie ich!“
Sicherheits-Berater: Ihre Mitarbeiter kennen zahlreiche Beispiele für Ihr Querdenken. Können Sie spontan zwei, drei nennen, die Ihnen besonders im Gedächtnis verhaftet blieben.
Rainer von zur Mühlen: Jede Menge! Ich plante mit meinem Ingenieurteam einen Großtresor für ein Euroland. Er sollte 3.300 Palettenplätze für Geld aufnehmen. Meine Vision war: alles automatisch! Keine Leute in den fünf Lagerebenen des Tresors! Wir beplanten das, indem wir alle Angriffszenarios fantasievoll durchgingen. Alles ein einziger Querdenkprozess tagelangen Brainstormings. Da kam das Thema auf: Wie kriegen wir die sechs Tonnen schwere Tresortür zu, wenn die Angreifer, unterstützt durch mindestens drei kooperierende Insider, den Strom für den Antrieb zum Schließen manipulieren. Welche Stromquelle kann nicht manipuliert werden? Mir fiel ein Radio ein, eine sogenannte Göbbelschnauze aus der Hitlerzeit. Ich baute als 11-Jähriger diese Dinger auf Kopfhörerbetrieb um, damit man unter der Bettdecke unentdeckt noch die Hitparade hören konnte. Auf einem Radio hatte ich einmal eine Warnung gelesen, dass 1.000 Volt Restspannung bis zu einer Stunde nach Trennung vom Stromnetz möglich seien. Mit dieser Erinnerung im Kopf bat ich dann meine Ingenieure zu prüfen, ob wir in der Tresortür diese Spannung aktivieren können. Es funktionierte und der Lieferant der Tresortüren ließ sich das sogar patentieren.
Sicherheits-Berater: Für 50 Jahre Querdenken reicht unser Platz leider nicht aus. Aber bestimmt noch für ein Beispiel aus dem Rechenzentrumsbereich.
Rainer von zur Mühlen: In den 70er-Jahren hatte man – stärker als heute – kaum überwindbare Längenlimitierungen. Großrechner und deren Peripherie wurden mit faustgroßen Steckern und Kabeln von bis zu drei Zentimetern Stärke miteinander gekoppelt. Wenige Meter nur
gingen ohne sogenannte Kanalverlängerung. Bereits damals lösten wir die Großraum-RZs in kleinere Einheiten auf. Hatten aber immer das Problem, die Wände zu den benachbarten Räumen zu durchdringen. Im Interesse des Rauchschutzes musste ein sicherer Durchbruch geschaffen werden, der vor allem eine Bedingung erfüllen musste: schnelle Nachverkabelung ohne großen Aufwand. So erfanden wir das Sandbecken für eine schnelle Nachverkabelung im RZ-Bereich. Der Durchbruch zwischen den Rechnerräumen wurde mit einer gemauerten oder aus Blech gestalteten Wanne versehen. Die Kabel wurden durchgezogen und dann mit feinem Kies abgedeckt. Bei Nachinstallationen wurde der Kies mit einem Industriestaubsauger abgesaugt, das Kabel verlegt und anschließend der Feinkies wieder aufgeschüttet. Rauchdicht und brandsicher. Die Zeit, dass Öffnungen mit Kissen provisorisch bis zum Abschluss einer Nachinstallation eine Gefahr darstellten, wurde verkürzt. Auch über Nacht bis zur Fortsetzung der Arbeit am nächsten Tag gab es keine Sicherheitslücke. Viele RZs wurden so flexibel und sicher gestaltet. Ergebnis des Querdenkens auch im Brandschutz.
Noch ein Beispiel: In einem Einkaufszentrum fanden sich Junkies als unerwünschte Besucher ein – in nur drei Monaten nach der Eröffnung gab es vier Fixertote. Beim Rauschgiftdezernat der Stadt studierte ich deshalb das Verhalten Heroinsüchtiger. Irgendwie ergab sich dabei die Assoziation „Schuss setzen“ und „blaues Blut“, das meine Ahnen ja für sich in Anspruch nehmen. So dachte ich weiter: „Schießen ist nur wirksam, wenn man ein Ziel hat. Kann man die bläulichen Venen nicht sehen, kann man sich folglich keinen Heroinschuss setzen.“ So ließ ich von einem Lichtexperten eine extrem bläulich-kalte Beleuchtung in den Toilettenräumen testen. Ergebnis: Die Venen waren nicht mehr erkennbar. Polizeizeitschriften in der ganzen Welt berichteten darüber. Seither gibt es in öffentlichen Toiletten von Kinos und Diskotheken weltweit Blaulicht.
Sicherheits-Berater: Vielen Dank für das Gespräch, Herr von zur Mühlen. Wir wissen, dass Sie noch viele, viele Fallbeispiele benennen könnten. Wer mag, kann Sie diesbezüglich gern kontakten: rvzm@vzm.de.

