Alle möchten etwas vom Hype um Edge & Co. mitnehmen – mit gelegentlich durchaus zweifelhaften Lösungen und Argumenten. Ein Hersteller für Stromversorgungssysteme aus dem Kreis Böblingen möchte uns mit seinem Edge-USV-System eine Lösung an die Hand geben, die gemäß Aussagen in den Produktpräsentationen eine komplette 2n -Versorgung mit zwei Netzeinspeisungen ermöglicht – und zwar alles aus EINER chic beleuchteten Kiste, auf der groß „Edge-USV“ (aufgelöst etwa: unterbrechungsfreie Stromversorgung im Randrechenzentrum) draufsteht. Smart ist die Lösung natürlich auch noch – wie stylisch! Der Hersteller könnte übrigens aber auch beispielsweise im Lahn-Dill-Kreis sitzen – die Konzepte treten im Markt mehrfach auf – weswegen wir hier keinen Hersteller namentlich nennen wollen.
Welcher Bedarf aber wird mit ultrakompakten Stromversorgungen eigentlich bedient? Jener nach möglichst kompakten Lösungen, da ein Edge-Rechenzentrum und die dazu gehörige technische Infrastruktur ja kompakt sein sollen – aber warum soll es das eigentlich? Und kann man es sich bei aller Kompaktheit leisten, die Verfügbarkeit hinten anzustellen? Wohl eher nicht, daher werden wir uns demnächst näher mit solch generellen Anforderungen beschäftigen. Zunächst schauen wir uns aber die Lösung der „Edge-USV“ einmal genauer an.
Wie geht das also mit der kompletten Redundanz aus der Kiste? Eine 2n-Versorgung nach purer Lehre (z. B. TÜViT TSI Level 3 oder EN 50600-2-2, VK 3) umfasst ja immer noch:
- zwei getrennte vorgelagerte Transformatoren und Niederspannungsschaltanlagen in baulich und brandschutztechnisch getrennten Bereichen,
- getrennte oder oft auch gemeinsame Generatorsysteme,
- zwei verschiedene Trassenwege,
- zwei voneinander losgelöste USV-Systeme mit nachgelagerten Verteilsystemen,
- idealerweise auch noch zwei externe Bypässe.
Und das alles steckt jetzt in dieser Kiste drin? Das können wir gar nicht so recht glauben und folgen weiterhin gespannt den Ausführungen der Produktverkäufer. Demnach gibt es sogar zwei Varianten der Redundanz:
- die kaskadierte Lösung,
- die Zweipfad-Lösung.
Die Variantenzeichnungen wurden in Erinnerung an eine Produktpräsentation durch die Redaktion selbst erstellt, da die Präsentationsunterlagen beim Hersteller nicht verfügbar sind. Und hier zeichnet sich wahrlich Unglaubliches ab: Die Lösung ist an keiner Stelle auch nur ein bisschen redundant, sie stellt innerhalb eines Energieversorgungssystems einen Single Point Of Failure (SPOF) dar, der schöner nicht sein könnte:
Beide Konzepte verbindet, dass sie nur eine einzige Einspeisung besitzen und vertragen, von Zweipfadigkeit des vorgelagerten Netzes also schon einmal keine Spur. Damit könnte man eigentlich schon aufhören, sich auch nur eine weitere Sekunde mit dem System zu beschäftigen – zu weit weg ist es bereits jetzt von bewährten und üblichen Redundanzkonzepten. Aber weiter im Text: Die USV selbst ist natürlich auch kein bisschen redundant im Sinne einer räumlich getrennten 2n-Lösung, sondern bietet lediglich das altbekannte Konzept eines modularen Aufbaues mehrerer Einschübe. Damit ist sie weder bei Störungen noch bei Wartungsarbeiten umgehbar, so etwas nennen wir SPOF.
Im ersten System beginnt die Redundanz weit hinter der USV-Anlage. Hat die USV selbst oder die nachgelagerte Schaltanlage ein Problem, ist Schicht im Edge-RZ. Die zweite Lösung umschifft diese Redundanz „äußerst elegant“, indem sie den B-Pfad vor der Wunderkiste abzweigt. Ist dann der zweite Pfad USV-geschützt? Natürlich wiederum kein bisschen. Im Gegenteil ist er schutzlos nicht nur Kurzzeitunterbrechungen ausgeliefert, sondern schaltet das ungefilterte „Stadtnetz“ mit all seinen Netzfehlern direkt bis zum Servernetzteil durch.
Belassen wir es dabei. Bereits dieser nur oberflächlichen Betrachtung des Redundanzkonzeptes hält das System – gemessen an dem, was es verspricht und für was echte 2n-Lösungen notwendig wäre – nicht stand. Eine echte 2n-Lösung sieht ganz anders aus und lässt sich naturgemäß so kompakt nun mal nicht abbilden. Es braucht getrennte Einheiten, die zueinander redundant sind und von denen jedes Einzelne die Komplettversorgung übernehmen kann. Davon sind Lösungen wie die hier Gezeigte meilenweit entfernt.

