Aktuell fällt nicht nur den Sicherheitsverantwortlichen in Behörden und Unternehmen auf, dass wir uns subjektiv vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt sehen: Angefangen von der aktuellen Streiksituation über Angriffe auf unsere IT-Systeme bis hin zu konkreten Anschlägen auf eine sensible Infrastruktur, die dazu führen, dass für eine längere Zeit unsere angeblich funktionierenden Betriebs- und Lebensprozesse nicht oder nur bedingt zur Verfügung stehen. Interessanterweise kommen jetzt aus unterschiedlichen Richtungen Forderungen nach baulichen, technischen und organisatorischen Vorsorgemaßnahmen, um auf diese Entwicklung vorbereitet zu sein. In Steinfurt wurde der vom Brandanschlag betroffene Mast jetzt großflächig eingezäunt. Sicherheitsdienstleister, teilweise Bundespolizei, bewachen das Grundstück. Sicherheitstechnik wird installiert.
Aber wird hier nicht der zweite vor dem ersten Schritt getan? Kann ich durch das Einzäunen und die Überwachung jedes Areals Anschläge verhindern? Wer bezahlt diese Aufwände? Betreiben wir hier nicht eine Aufrüstung auf beiden Seiten, die am Ende dazu führt, dass auch menschliches Leben auf dem Spiel steht? Leben wir nicht in einer gesellschaftlich und wirtschaftlich verzahnten Umgebung, in der es gut wäre, sich mit den aktuellen Gefährdungen und Entwicklungen zu beschäftigen? Aber sind dies andererseits nicht dynamische Entwicklungen, bei denen es ein „Schwarz“ oder „Weiß“ nicht geben kann? Wo es z. B. darauf ankäme, sich mit den neuen (ggf. bereits früher vorhandenen) „Täterprofilen“ wieder zu beschäftigen? Diese offenen Fragen bedürfen neuer Antworten.
Nachfolgend einige Aspekte, die Ihnen dabei helfen könnten und die Sie bei der Betrachtung von Gefährdungen und Risiken unbedingt beachten sollten:
- In unserer Projektbearbeitung wird immer öfter positiv aufgenommen, dass wir uns nicht nur mit den klassischen Objektschutzthemen bei der Beurteilung von Gefährdungen und Risiken auseinandersetzen, sondern auf einer breiten Grundlage (systematisierte Checkliste) uns mit allen relevanten Bedrohungen auseinandersetzen. Diese Vorgehensweise können wir auch Ihnen empfehlen.
- Es gibt trotzdem Verbesserungsbedarf: Schlussfolgerungen aus Beurteilungen einmal mit einem konkreten Planungs- und Umsetzungsbedarf (Budgetierung) zu untersetzen kann dazu führen, sich mit unterschiedlichen Lösungsansätze zu beschäftigen. Angefangen von der Akzeptanz des Risikos über betriebliche Redundanzkonzepte bis hin zu Aufrüstungsmaßnahmen ist alles überlegenswert.
- Wer behauptet, den möglichen Täter vorhersagen zu können, besitzt entweder Insiderwissen oder stellt eine Behauptung auf, die nicht zu beweisen ist. Wir beobachten derzeit sinkende Hemmschwellen. Neben dem aktuellen Anschlag auf einen Strommast der E.dis Netz GmbH bei Grünheide mit dem Ziel eines Angriffs auf TESLA gab es bereits vielfältige Ereignisse, die zeigen, dass die Angriffe auf die Infrastruktur bzw. davon abhängige Unternehmen immer mehr zunehmen (Auflistung nicht vollständig!):
- vorsätzlich gelegter Brand in einem Kieswerk im oberbayerische Kirchseeon 2/2024
- 2023 ca. 20 Brandanschläge auf Baumaschinen in Oberbayern
- 12/2023 Brand in einem Kabelschacht an der Isar (Ludwigsbrücke)
- 2.10.2023 Zerstörung einer entstehenden Geothermie-Anlage (Schaden ca. 2,5 Millionen Euro) in Polling im Landkreis Mühldorf am Inn
- 2023 brennen an diversen Stellen im Bereich der DB AG Kabel in Kabelschächten
- Im Mai 2021 schwerer Brandanschlag auf ein Stromkabel im Münchner Osten. Ziel war das Firmengebäude des Rüstungskonzerns Rohde & Schwarz. Insgesamt waren 20.000 Haushalte für mehrere Stunden ohne Strom.
Nicht immer gibt es Selbstbezichtigungsschreiben („Bekennerschreiben“ halten wir seit RAF-Zeiten für einen Euphemismus, eine Sprachbeschönigung). Jedoch gehen die ermittelnden Behörden davon aus, dass die Täter einem linksextremistischen Spektrum zuzuordnen sind.
- Fragen Sie bei den Behörden nach der Sicherheitslage, werden diese Ihnen nur beispielhafte aktuelle Bedrohungsszenarien nennen. Sie dürfen jedoch nicht erwarten, dass diese Empfehlungen konkrete Maßnahmen beinhalten. Für das BKA/LKA (Bundes-/Landeskriminalamt) geht es primär um den Personenschutz und eine Grundsicherheit der unter ihrer Betreuung stehenden Liegenschaften. Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) kümmert sich um die Informationssicherheit und ggf. um Elemente des materiellen Geheimschutzes. Allen gemeinsam: „Wir sprechen Empfehlungen aus.“ bzw. sie verweisen auf ihre aktuellen Richtlinien. Die Verantwortung hat in jedem Fall der Betreiber, der Unternehmer bzw. der Nutzer.
- Wenn Sie sich als TESLA oder als Rohde & Schwarz (siehe Beispiele oben) mit den Themen Verfügbarkeit und Sicherheit beschäftigen, gehen Sie normalerweise davon aus, dass Ihr Versorger (unabhängig welche Medien) seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkommt. Sie haben aber dafür keinerlei Garantie. Unverständlich ist es daher aus unserer Sicht, dass man sich bei betriebskritischen Prozessen nicht mit Ausfallszenarien auseinandersetzt. EDEKA (ebenfalls betroffen vom Stromausfall durch den Brandanschlag in Steinfurt) hat es z. B. in Freienbrink doch auch geschafft, innerhalb kürzester Zeit ausreichend Notstrom an den Start zu bringen, dass das größte Kühllager für Berlin und Brandenburg weiterlaufen konnte!
- Kostentreiber müssen diese „Notfallmaßnahmen“ zwangsläufig nicht sein. Nach unserer Vorstellung müsste sich jedes produzierende Gewerbe mit Außenwirkungen auf Versorgungsmedien und Logistik zwangsläufig mit den „öffentlichen“ Abhängigkeiten beschäftigen. Die Schaltprozesse und Kapazitäten müssen bekannt sein und entsprechend berücksichtigt werden. Wir kennen Projekte, bei denen mit den Energieversorgern gemeinsame und individuell auf den Standort zugeschnittene Redundanzkonzepte entwickelt worden sind. Oder wo zentralisierte technische Anlagen (z. B. Fernwärme oder Fernkälte) im Notfall priorisierte Versorgungsschaltungen haben. Das kann nur ein Anfang sein.
- Wenn Sie heute bei den Verantwortlichen in den Leitwarten und Leitstellen unserer Republik nachfragen, wie es um die Versorgungssicherheit unserer Netze und die Bereitstellung der entsprechenden Leistung steht, werden Sie das eine oder andere Mal ein Achselzucken erleben. Der herausfordernde Wechsel zu regenerativen Energien, zu alternativen Klimaschutzkonzepten (z. B. Anforderungen an die Abgasführung von Netzersatzanlagen) usw. hat gravierende Auswirkungen auf die Stabilität der Netze. Hinzu kommt, dass die Erfahrung an den Schaltstellen zusätzlich abnimmt, da nicht ausreichend entsprechendes Fachpersonal zur Verfügung steht. Ich habe Hochachtung vor jedem Mitarbeiter, der dort arbeitet und dafür sorgt, dass die Versorgung (noch) sehr stabil ist.
- Wenn Sie die anfänglich benannte Dynamisierung ihrer
- Überprüfung mindestens einmal im Jahr sowie nach aktuellen Großereignissen im Umfeld der eigenen Branche
- Bereitschaft zu Abstimmungen zwischen Unternehmen und Bereitsteller von Infrastruktur und Versorgungsmedien
- Regelmäßige Überarbeitung der Gefährdungs- und Risikoanalyse und des Schutzbedarfs
- Sensibilisierung der Mitarbeiter in den Unternehmen für das Thema „Objektschutz“
- Verringerung genehmigungsrelevanter bürokratischer Hürden auf ein notwendiges Maß
- Klärung von Kostenübernahmen zwischen Unternehmen, Infrastrukturbetreiber und Gesetzgeber
Und ein Wunsch des Autors: Nutzen Sie die Möglichkeiten der Vernetzung. Dieser Wunsch ist ebenfalls bei vielen Sicherheitsverantwortlichen mittlerweile sehr ausgeprägt. Erfahrungen miteinander zu teilen und spezifische Entwicklungen aus dem eigenen Haus auf Sinnhaftigkeit wie Zukunftsfähigkeit gemeinsam zu besprechen sind zwei Punkte, die ebenfalls zur Verbesserung des Sicherheitsniveaus beitragen können.

